Probiotik im Lichte wissenschaftlicher Erkenntnisse

Veröffentlicht am: 10.07.2022

Probiotische Lebensmittel gehören zu den sogenannten Functional Foods und erlangen stetig mehr Aufmerksamkeit bei Verbrauchern. Zeitgleich reguliert die Europäische Union mit der Health Claims Verordnung (HCVO) die Marktkommunikation in diesem Bereich.

Seit 2010 wird für Probiotika eine Liste1 erstellt, in der die belegbaren gesundheitsbezogenen Aussagen zusammengestellt werden. Diese wird der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA (European Food Safety Authority) vorgelegt, um ihre Nachvollziehbarkeit wissenschaftlich zu prüfen.

Aktuelle Forschungserkenntnisse im Bereich der Probiotik 
Die aktuelle Forschung im Bereich Probiotika weist eine hohe Dynamik auf. Diese soll im gegenständlichen Artikel in einem Streifzug reflektiert, sowie etablierte Fakten zu Wirkungen dargestellt werden. 
Selbstredend darf von keinem universellen Nutzen ausgegangen werden, zumal die knapp 1000 verschiedenen Bakterien jedem Individuum sehr unterschiedlich strukturiert sein können. Die Behandlung und Vorbeugung von Diarrhö2 gehört zu den vorrangigen Wirkungsbereichen, die in Zusammenhang mit probiotischen Stämmen stehen. Hierbei ist die Unterstützung der Immunabwehr nicht weiter überraschend, zumal 80% des Immunsystems im Kontext des Mikrobioms der Darmflora stehen.


Die Wirksamkeit von Probiotika bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen gilt als gut erforscht. Dementgegen wurden vermutete vorteilhafte Auswirkungen etwa im Bereich der akuten Pankreatitis3 hingegen in reputablen Journalen – allen voran Lancet, in einer Reihe von Forschungsarbeiten kontroversiell diskutiert bzw. auch widerlegt. Zudem ist für Kinder mit Gastroenteritis4 ist, wie im New England Journal of Medicine festgestellt wurde, die Verabreichung probiotischer Stämme nicht sinnvoll. Unterdessen gilt die Indikation Hypertonie4 als lange gesicherter Wirkungsbereich im Themenbogen der Probiotik. Auch bei Lebrerkrankungen5 werden Probiotika werden heute erforscht: In einer rezenten Übersichtsarbeit der Grazer Gastroenterologin Stadlbauer-Köllner wird die Sicherheit und Wirksamkeit von Probiotika allgemein diskutiert. Anschließend wird im Speziellen auf die vorhandenen klinischen Daten bei Fettlebererkrankung sowie bei Leberzirrhose eingegangen. 


Welche neuesten Entwicklungen sind zu erkennen? 
Studien erweitern und untermauern die Anwendungsbereiche der Probiotik, reflektieren jedoch eine differenzierte Sichtweise: „The right bug at the right place“, titelt etwa eine Studie des schwedischen Karolinska Instituts, das eine Behandlung der bakteriellen Vaginose
6 mit einem probiotischen Stamm beschreibt. Dieser Wirkungsbereich wird heute bereits in der Tertiärliteratur wie etwa im Forum Wikipedia rezipiert und ist in zahlreichen Verbrauchertests dokumentiert.

An der Mayo-Klinik in Rochester (Minnesota), der auch heuer wieder die Bewertung des weltweit besten Spitals zuteil wurde, widmeten sich Forscher einem relativ neuen Bereich, zu dem es bisher verhältnismäßig wenig Forschung gab: Es wurde ein systematisches Review über die Änderung der Darmflora durch probiotische Stämme aus Nahrungsergänzungsmitteln durchgeführt. Zudem wurden deren Auswirkungen auf psychiatrische Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen7 betrachtet. Zu den Erkrankungen zählten hierbei ADHS, Autismus, sowie Angstzustände und Depressionen. Ein Zusammenhang zwischen dem Serotoninspiegel und den präbiotischen Stämmen wird allgemein angenommen. In der Conclusio fordern die Autoren eine Fortführung dieser Forschungsarbeiten, um zukünftig für klinische Psychiater mögliche alternative, sanfte therapeutische Mittel anbieten zu können.

Author: Univ.Doz. Dr. Herbert Anton Wurzer Gastroenterologie und Hepatologie

 

 


Referenzen:

[1] EFSA Journal 2021;19(1):6377. EU – Liste: https://efsa.onlinelibrary.wiley.com/doi/epdf/10.2903/j.efsa.2021.6377

[2] Guarino A. et al. Probiotics for Prevention and Treatment of Diarrhea. J Clin Gastroenterol. Nov-Dec 2015;49 Suppl 1:S37-45.

[3] Expression of concern--Probiotic prophylaxis in predicted severe acute pancreatitis: a randomised, double-blind, placebo-controlled trial. Lancet. 2010 Mar 13;375(9718):875-6. doi: 10.1016/S0140-6736(10)60360-1

[4] Freedman S. et at. Multicenter Trial of a Combination Probiotic for Children with Gastroenteritis. N Engl J Med. 2018 Nov 22;379(21):2015-2026.

[5] Tinsley R. Harrison u. a.: Harrison’s Principles of Internal Medicine. New York 2005.

[6] Stadlbauer-Köllner, V. Probiotika bei Lebererkrankungen. Wien klin Mag 21, 240–245 (2018). doi.org/10.1007/s00740-018-0250-1

[7] A systematic review of microbiome changes and impact of probiotic supplementation in children and adolescents with neuropsychiatric disorders Prog Neuropsychopharmacol Biol Psychiatry. 2021 Jun 8;108:110187. doi: 10.1016/j.pnpbp.2020.110187. Epub 2020 Dec 1.


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